2012.06.19_Ruß auf meinem Gesicht...
"Marie, stell dir einmal vor, zwei Feuerwehrleute gehen in einen Wald, um ein kleines Feuer zu lösen. Als sie wieder herauskommen und an das Ufer eines Baches
gelangen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt und das Gesicht des anderen vollkommen makellos. Ich frage dich: Welcher der beiden wird sich das
Gesicht waschen gehen?"
"Das ist eine alberne Frage: natürlich der, dessen Gesicht voller Ruß ist."
"Falsch: Derjenige, dessen Gesicht voller Ruß ist, wird den anderen anschauen und denken, er sähe genauso aus wie der andere. Und umgekehrt. Der mit dem
sauberen Gesicht wird sehen, dass sein Kamerad voller Ruß ist, und sich sagen: Ich muss auch dreckig sein, ich muss mich waschen."
"Was willst du damit sagen?"
"Ich will damit sagen, dass ich im Krankenhaus begriffen habe, dass ich mich in allen Frauen, die ich geliebt habe, selber gesucht habe. Ich blickte in ihre
sauberen, schönen Gesichter und sah mich darin widergespiegelt. Sie hingegen schauten mich an und sahen die Asche, die mein Gesicht bedeckte, und mochten
sie auch noch so intelligent und noch so selbstsicher sein, am Ende sahen sie sich in mir widergespiegelt und hielten sich für schlechter, als sie waren. Bitte, lass
nicht zu, dass dies mit dir geschieht."
Gern hätte ich hinzugefügt: So ist es Esther ergangen. Und ich habe es erst begriffen, als ich mich an die Veränderungen in ihrem Blick erinnerte. Ich habe immer
ihr Licht, ihre Energie absorbiert, die mich glücklich und sicher machten, mich in die Lage versetzten, meinen Weg weiterzugehen. Sie dagegen schaute mich an
und fühlte sich hässlich, herabgewürdigt, weil in dem Maße, wie die Jahre vergingen, meine Karriere - diese Karriere, für deren Verwirklichung sie so viel getan
hatte - unsere Beziehung auf den zweiten Platz verwies.
Daher musste mein Gesicht, bevor ich sie wiedersah, so rein sein wie ihres. Bevor ich ihr wieder begegnete, musste ich mich selber finden.
* Paulo Coelho 'Der Zahir'