„Ihre Haltung, ihr Charme und ihre Anmut sicherten ihr in der geplanten Welt einen bevorzugten Platz. [...] Sie war unübertrefflich elegant. Solange es welche zu
kaufen gab, hatte sie weiße Kamelien bei sich."
Mit diesen Worten beschrieb der Journalist und Autor Gustave Claudin die gefeierte Kurtisane Marie Duplessis, deren kurzes, bewegtes Leben in dem Roman La
dame aux camélias von Alexandre Dumas d. J. verewigt wurde. Dumas gab ihr den Namen Marguerite Gautier und legte den Schwerpunkt seines Romans auf die
Liebesaffäre zwischen ihr und Armand Duval, einem jungen Mann aus gutem Hause. Die Beziehung nimmt ein tragisches Ende, als die an Schwindsucht leidende
Marguerite von Armands Vater mit der Bitte aufgesucht wird, sich von Armand zu trennen – zum Wohl seiner bürgerlichen Familie und im Hinblick auf Armands
Aussichten als Mitglied einer Gesellschaft, der Marguerite nie angehören kann. Marguerite opfert ihre Liebe zu Armand in dem Glauben, ihm dadurch eine bessere
Zukunft zu sichern. Erst nach ihrem Tod erfährt Armand, warum Marguerite ihn verlassen hat, denn nach der Trennung von ihm stirbt die Kurtisane einsam und
verarmt.
John Neumeier kreierte mit seinem Ballett, basierend auf Dumas' Roman, ein Gesamtkunstwerk von seltener Schönheit und tragischer Tiefe. Seine Musikauswahl
fiel nicht zufällig auf Frédéric Chopin, der, wie Marie Duplessis, an Schwindsucht starb und zur gleichen Zeit wie die Kameliendame in den selben Pariser Salons
verkehrte. Wie Neumeier die expressive Musik Chopins auslotet und -kostet und sie nahtlos mit seiner choreographischen Erzählweise verflicht, trägt viel zu der
emotionalen Wirkung des Ballettes bei.
Quelle: Stuttgarter Ballett