Seit zwei Jahren gibt Alfred Brendel keine Konzerte mehr. Als Vortragsreisender tritt er trotzdem noch auf.
Ein Gespräch zum 80. Geburtstag des Pianisten.
ZEIT : Herr Brendel, vor zwei Jahren haben Sie aufgehört , Konzerte zu geben. Der klassische Musikbetrieb, in dem Sie jahrzehntelang eine so wichtige Rolle
spielten, dreht sich seither ohne Sie weiter. Schmerzt das?
Brendel: Nein. Wieso sollte es? Ein Gedanke, als ich aufhörte, war: In ein paar Monaten hat man dich vergessen. Aber das ist nicht eingetreten. Und das finde
ich – ich gebe es zu – ganz angenehm. Ich bin noch präsent in den Vorträgen, die ich halte, in Lesungen mit und ohne Musik und in Meisterkursen. Ich
habe außerdem in diesem Jahr die englische Übersetzung meiner Gedichte besorgt. Das Buch ist jetzt erschienen. Ich hab schon immer ein literarisches
Leben geführt, und das verbinde ich jetzt mit der Musik auf meine Weise.
ZEIT : Ich kenne Dirigenten, die in dem Bewusstsein lebten, dass mit ihrem Abgang auch gleich die Orchesterkultur insgesamt in die Grube fährt.
Brendel: Das trifft auf mich nicht zu. Ich nehme mich selbst nicht so wichtig. Ich bin auch gar nicht pessimistisch, was die Zukunft angeht. Es werden sich schon
ein paar große Komponisten und einige Interpreten finden, die die Musik weiterführen.
ZEIT : Immerhin haben Sie Ihren Abgang in einem Gedicht thematisiert, in dem ein »119-jähriger Großverweser sämtlicher Sonaten, Balladen und Bagatellen«
nach der zwölften Zugabe endgültig vom Podium abtritt, woraufhin – wir sind offenbar im Wiener Musikvereinssaal – die goldene Bruckner-Orgel aus der
Wand kippt und den Konzertflügel unter sich begräbt. Die Statuen der »27 allergrößten Komponisten« stürzen vom Sockel, und »das linke Bein Schuberts« fällt in den Schoß der Garderobiere vom Sacher.
Brendel: Das ist natürlich der reine Hohn. Ich hörte damals bei meinem Abschied immer wieder den Satz, mit mir gehe eine Ära zu Ende. Das Gedicht war die
ironische Antwort darauf.
ZEIT : Immerhin war Ihnen Ihr eigener Abschied ein Gedicht wert.
Brendel: Aber sicher. Es gibt in meinen Gedichten manches, was auf mich hinzuweisen scheint und es überhaupt nicht tut. Man darf meine Gedichte nicht immer
nur autobiografisch lesen. Mich interessieren die Gedichte, wenn sie von mir wegführen. Ich gehöre nicht zu den Literaten, die sagen, alles ist sowieso
autobiografisch. Dafür habe ich zu lange in England gelebt. Ich bin sehr dafür, dass der Autor hinter der Produktion verschwinden kann. Auch in der ganz
großen Literatur. Bei Shakespeare etwa oder bei Tolstoj, wo man den Eindruck hat, dass die Figuren ein solches Eigenleben führen, dass sie dem Autor
sagen, was er zu schreiben hat.
ZEIT : Hat sich durch den Rückzug Ihr Blick auf den Betrieb verändert? Fragen Sie sich heute aus der Distanz manchmal: Was für einen Wahnsinn habe ich da
eigentlich mitgemacht?
Brendel: Nein. Ich hatte immer das Gefühl, dass man in diesem Beruf als relativ freier Mensch leben kann. Natürlich fragt man sich manchmal: Warum um Gottes
willen wird so viel Publicity ausgerechnet für diesen oder jenen Kollegen gemacht? Auf der anderen Seite bin ich nicht der Meinung, dass die klassische
Musik in ihrer Sterbestunde ist.
ZEIT : Was Sie sagen, klingt alles sehr entspannt. Sie kennen aber auch die Wut des Amokläufers. Das geht ebenfalls aus einem Ihrer Gedichte hervor. Da liegt
ein Gewehr auf dem Konzertflügel...
Brendel: Das ist natürlich auch ironisch. Ich war mal in Tschechien und mit Freunden unterwegs, um eine Kirche anzusehen. Wir gingen in ein kleines Gasthaus.
Da stand ein Pianino. Und darauf lagen tatsächlich Gewehre. So entwickelte sich das Gedicht in meinem Kopf. Amoklauf ist übrigens etwas übertrieben.
ZEIT : Finden Sie? Immerhin fängt der Pianist an, scharf zu schießen. Die ersten Schüsse gehen in die Decke, dann in den Konzertflügel – und schließlich über
die Köpfe der Kritiker im Saal! Etwas muss an diesem aggressiven Durchbruch ja dran sein. Geben Sie es zu: Mit den Kritikern haben Sie noch eine
Rechnung offen. Wir können doch nach Ihrem Karriereende ganz offen sprechen, Sie müssen keine Racheakte mehr befürchten. Was nervt Sie an den
Kritikern?
Brendel: Es gibt verschiedene Meinungen, und diese Meinungen will ich gar nicht angreifen. Es ist die Art, wie etwas formuliert wird, die Tonart, die mich manchmal
entsetzt: Wenn man spürt, dass es jemand genießt, mit der Hacke auf Musiker loszugehen. Rezension als Charakterdefekt. Kritiker sollten wissen, dass
sie auch eine menschliche Verantwortung tragen, nicht nur eine künstlerische. Wenn etwa ein begabter junger Mann kritisiert wird, der sich gerade erst
entwickelt, dann muss man sich klarmachen, was eine bösartige Kritik für ihn bedeutet. Das ist übrigens viel schlimmer geworden, seit es das Internet
gibt, wo man dann auf Knopfdruck alles noch einmal nachlesen kann. Übrigens kommen in diesem Gedicht nicht nur Kritiker sondern auch Kollegen vor.
Scherzhaft. Auch sie lass ich ja leben.
Quelle: http://www.zeit.de/2011/01/Brendel